innovationsmanagement.de - 2011-02-01
URL: http://www.innovationsmanagement.de/technologiemanagement/patentrecherche.html

Patentrecherche



Technologische Aspekte spielen im Innovationsmanagement eine entscheidende Rolle hinsichtlich der Erfolgschancen und begründen meist die Alleinstellung eines Unternehmens zum Wettbewerb. Hierbei stellt sich die Frage, woher einfach und schnell ein möglichst großes Maß an technologischen Informationen zum Stand der Technik zu bekommen ist.

Patente bieten sich hierfür besonders an, da sie nahezu alle Anforderungen in standardisierter Form erfüllen und dabei eine internationale Betrachtung ermöglichen. Das in Patenten niedergelegte Wissen kann von jedem, abhängig vom jeweiligen Rechtsstand, direkt bzw. indirekt genutzt werden. Patente sind aufgrund der zahlreich verfügbaren Datenbanken schnell verfügbar sowie definiert klassifiziert und größtenteils verschlagwortet. Dadurch ergeben sich relativ geringe Streuverluste hinsichtlich des technologischen Fokus. Patente stellen somit eine der am kostengünstigsten zu erschließenden Informationsquellen für das Innovationsmanagement dar.

Durch aus Patenten gewonnene technologische Informationen lassen sich Chancen und Risiken sowie Grenzen der künftigen Entwicklung und Geschäftstätigkeit bereits frühzeitig steuern. Geschickte Patentanalysen zeigen beispielsweise Adaptions- und Akquisitionsmöglichkeiten für patentierte Technologien auf. Weiterhin bieten sie eine solide Basis für Ideenfindungsprozesse.

Markantester Nachteil von Patentinformationen ist sicherlich die Prioritätsfrist, die in Deutschland 12 Monate beträgt und damit den heute recherchierbaren "Stand der Technik" in der Regel auf 18 Monate zurückdatiert. Ergänzend hierzu ist in einigen Branchen zu beobachten, dass dort im Vergleich zu anderen Industriezweigen sehr wenig patentiert wird und es damit zu einer Informationsverzerrung kommen kann.


Einsatzmöglichkeiten von Patentrecherchen

Grundsätzlich können Patentanalysen auf zwei unterschiedliche Weisen durchgeführt werden: Beide prinzipiellen Methoden haben unterschiedliche Zielsetzungen und damit verschiedene Anwendungsbereiche:

Quantitative / statistische Patentanalyse Qualitative / inhaltliche Patentanalyse
Ideenfindung Anzahl der Patente als Kenngröße für die Verfügbarkeit von technologischen Informationen aus Patenten Wichtige, interessante und ergiebige Informationsquelle bei der Ideenfindung, sowohl in relevanter Technologieklasse als auch in analogen Technologieklassen
Technologietrend Anzahl der Patente als grobe Kenngröße für die Trendentwicklung auf Basis der Patentanmeldungen Inhaltliche Entwicklung des Technologietrends durch Analyse der relevanten Patentschriften
Technologie-
evaluation
Nicht relevant Abgleich der eigenen Idee mit dem Stand der Technik und Ableiten der Erfindungshöhe bzw. der Überdeckung
Wettbewerbs-
information
Anzahl der Patente gibt die Stärke des Wettbewerbs für das bezogene Technologiegebiet an, sowie die Bedeutung des Technologiegebiets im Portfolio des jeweiligen Wettbewerbers Spiegelt die konkreten und detaillierten Wettbewerbstechnologien wieder



Ideenfindung durch Patentanalyse

Für die Ideenfindung mit Hilfe von Patenten wird hauptsächlich auf die qualitativen Methoden der Patentanalysen eingegangen, da sich hiermit wertvollere Informationen und Impulse für technologische Aspekte in den Innovationsprozessen gewinnen lassen.

Grundlegende Vorgehensweise ist dabei, alle relevanten Patentschriften in dem für die Aufgabenstellung relevanten Technologiegebiet zu recherchieren und anschließend entsprechend der Aufgabenstellung zu analysieren.

Patentschriften sind in Fließtext verfasst und beinhalten damit ihren technologischen Anspruch oft in verklausulierter Form. Um diesen für Ideenfindungsprozesse einfach und übersichtlich aufzubereiten, bietet sich die Darstellung in einem morphologischen Kasten nach Zwicky an. Die Patentinhalte werden dazu systematisch hinsichtlich ihrer technologischen Ausprägungen analysiert. Die Darstellung erfolgt in Form einer Matrix, die die technologischen Ausprägungen der unterschiedlichen Patentschriften clustert und zeilenweise gegenübergestellt.

Darauf aufbauend ist es sehr einfach durch entsprechende Kombinatorik neue Ideen zu generieren oder damit in die kreative Ideenfindungsphase einzusteigen. Ist das Ziel eine neue Idee, die sich sehr stark positiv von den Wettbewerbern abheben soll, so ist nicht nur die bezogene IPC-Klassifizierung in dieser Phase zu betrachten, sondern auch zusätzliche Analogiebereiche. Diese Analogiebereiche sind durch ähnliche technologische Rahmenbedingungen gekennzeichnet, aber sollten demgegenüber einen deutlich fortgeschrittenen Entwicklungsstand aufweisen. Hinweise findet man vorzugsweise bei forschenden Unternehmen und Technologieführern.

Die Fraunhofer Technologie-Entwicklungsgruppe hat ein Entwicklungsprojekt im Bereich von thermostatischen Regeleinheiten für Flüssigkeitsströme für einen großen europäischen Armaturenhersteller durchgeführt. Dabei war die Zielsetzung, neue Technologien für Temperaturregelung der Flüssigkeitsströme zu finden und zu evaluieren. Im ersten Schritt wurden alle Patente in der bezogenen IPC-Klasse und der Wettbewerber recherchiert. Die Analyse wurde wie oben dargestellt in einem morphologischen Kasten nach technologischen Aspekten übersichtlich aufbereitet und geclustert. Die bislang angewendeten Technologien der einzelnen Wettbewerber basieren nicht alle auf dem gleichen physikalischen Grundprinzip. Daher war es in diesem Projekt auch sinnvoll, die einzelnen Produkte der Wettbewerber detailliert zu untersuchen und einem realitätsnahen Produkttest zu unterziehen. Hieraus konnten bereits erste Stärken und Schwächen der unterschiedlichen Systeme erkannt werden. Die Erkenntnisse aus der Patentanalyse und den Produkttests dienten dann als Basis für einen ersten Workshop mit Experten zur Ideengenerierung. Hierbei ergaben sich sowohl gänzlich neue Lösungsansätze, als auch analoge Technologiegebiete von denen die Adaption technischer Lösungen zunächst sinnvoll erschien. Zum zweiten Ideenfindungsworkshop wurden dann ergänzend die technologisch relevanten Patente der Analogiebereiche recherchiert und analysiert. Auf Basis dieses konnten neue Ideen generiert werden. Dies insbesondere dadurch, dass die Technologien und Anwendungen in den Analogiebereichen technologische weiter entwickelt sind und daher auf das Anwendungsgebiet der Regelung von Flüssigkeitsströmen innovativ adaptiert werden konnten.

Ein weitere Zielsetzung dieser Methodik, die hier nur am Rande erwähnt werden soll, ist die gezielte Umgehung von bestehenden Patenten. Dies geschieht auch auf Basis der morphologischen Analyse und Kombinatorik und ist hinsichtlich des Resultates auch eine weitere Variante der Ideenfindung.


Bewertung von Technologietrends

Technologietrends können sowohl aus qualitativen als auch aus quantitativen Patentanalysen gewonnen werden. Quantitative Analysen geben eher den makroskopischen d.h. den generellen Trend in einer Branche oder einem Technologiebereich wieder.

Bei der umweltfreundlichen Solarthermie wird mit Hilfe von Kollektoren auf Dächern von Wohnhäusern Sonnenenergie gesammelt und für die Erwärmung von Brauch- und Nutzwasser eingesetzt. Die Fraunhofer Technologie-Entwicklungsgruppe hat diesen in Europa sehr weit entwickelten Technologiebereich mit Hilfe einer quantitativen Analyse der deutschen Patente untersucht.

Die statistische Auswertung des Rechercheergebnisses ergab eine stark diskontinuierliche Häufigkeitsverteilung der Patentanmeldung. Insbesondere in den Jahren 1974-1985 war eine auffällig starke Anmeldehäufigkeit zu verzeichnen. Um hierzu eine Vergleichsentwicklung zu bekommen, wurde das aus Marktsicht äquivalente Technologiegebiet Brauchwasser, Heizung und Klimatisierung recherchiert und parallel statistisch ausgewertet. Die direkte Gegenüberstellung (siehe Abbildung) zeigt für dieses Technologiegebiet und die bezogen Jahre nur einen sehr geringen Anstieg.

Weitere tiefgreifende Untersuchungen des solarthermischen Technologie- und Branchenumfeldes ergaben, dass Mitte/Ende der 70er Jahre die öffentlichen Förderrichtlinien zugunsten der Solarthermie aufgrund der damaligen Ölkrise eingeführt wurden und damit ein ersten Boom ausgelöst wurde. D.h. dass ökonomische und politische Entwicklungen diesen Verlauf maßgeblich beeinflusst haben.

Hierdurch lässt sich der sprunghafte Anstieg schlüssig begründen. Eine genauere Analyse zeigt zudem, dass lediglich ein geringer Überlapp zwischen den Anmelderdaten der vor 1986 und nach 1986 angemeldeten Patente besteht. Es ist daher wahrscheinlich, dass neuere Patente auch andere Aspekte des Technologiegebiets betreffen als die grundlegende Generation der in den 70er und 80er Jahren angemeldeten Patente.


Häufigkeitsverteilung der Patentanmeldung von 1965 bis 1997

Es kann vermutet werden, dass starke Sprünge in der Anmeldestatistik häufig auf radikale Veränderungen der Rahmenbedingungen bzw. des Umfeldes schließen lassen.

Ergänzend können die Anmeldehäufigkeiten nach Anmeldern statistisch ausgewertet werden. In diesem Fall wurde für die aktivsten Anmelder zusätzlich eine zeitliche Analyse ihrer Anmelde-Aktivität im fraglichen Technologiebereich durchgeführt:

Ein Punkt in dem Bereich "individuelle Patentanmeldungen" steht für jeweils mindestens eine prioritätsbegründende Anmeldung (Patentfamilie). Es ist daher möglich, dass mehrere unabhängige Anmeldungen durch einen einzigen Punkt repräsentiert werden. Es zeigt sich, dass einige Firmen bereits seit längerer Zeit F&E in diesem Bereich betreiben. Beispiele hierfür sind die Firmen Dorfmüller, Solar Diamant (die 1997 von der Buderus-Gruppe übernommen wurde), sowie Vaillant. Andere Anmelder wie Bosch oder die Fraunhofer-Gesellschaft sind noch auf zahlreichen anderen Gebieten aktiv, so dass nur sporadisch Anmeldungen in diesen sehr speziellen Bereich fallen. Zum Vergleich ist zudem der zeitliche Verlauf der kumulierten Patentanmeldungen im Bereich solarthermische Vorrichtungen für Brauchwasser, Heizung und Klimatisierung dargestellt.

Basierend auf dieser Analyse können z.B. potentielle Kooperations- oder Akquisitionskandidaten identifiziert werden, die für einen Neueinstig in diesen Technologiebereich eine Rolle spielen könnten.

Aus der quantitativen Patentanalyse können auch Markttrends abgeleitet werden. So deutet z.B. eine stagnierende Anmeldehäufigkeit oder deren Rückgang über einen längeren Betrachtungszeitraum auf einen ähnlichen Markttrend oder auf geringe Weiterentwicklungspotenziale der Technologie hin.

Soll der qualitative Technologietrend bestimmt werden, so müssen die Patentschriften inhaltlich analysiert und zu einer Trendaussage zusammengefasst werden. Auch hier erleichtert der morphologische Kasten die Analyse und schafft wieder schnelle Übersicht. Der technologische Bezug der Patente gibt in seiner Gesamtheit einen eindeutigen Hinweis auf den derzeit vorherrschenden Technologietrend. Bei derartigen Trendaussagen ist allerdings zu prüfen, ob alle Wettbewerber ihre Technologien und Produkte durch Patente schützen. Hierzu sollten unbedingt die recherchierten Patente nochmals an den Produkten und Technologien der Wettbewerber gespiegelt werden, um etwaige Differenzen zu erkennen und mit in die Qualität der Aussage einbringen zu können. Ist die Branche durch geringe Anmeldehäufigkeit gekennzeichnet, sind Trendaussagen aufgrund von Patenten zwar möglich, aber nicht immer sehr zutreffend und verlässlich.


Technologieevaluation

Bei der Entscheidung über den Aufbau neuer Geschäftsfelder ist die Einschätzung, wie gross das Zukunftspotenzial der neuen Technologien und Produkte ist, von besonderer Bedeutung. Die Technologie-Evaluation durch Patentanalyse basiert auf einem ersten quantitativen und einem zweiten qualitativen Teilschritt: Als Darstellungsform eignet sich auch hier wieder der morphologische Kasten besonders. An diesem Ergebnis, das den patentierten Stand der Technik für die bezogene Branche abbildet, werden die neuen Technologien und Produkte des Unternehmens gespiegelt. Somit lässt sich hier direkt die Erfindungshöhe und damit einen Teil des innovativen Potenzials ableiten.

Parallel hierzu müssen die im Markt befindlichen Technologien und Produkte der Wettbewerber mit in die Betrachtung einbezogen werden. Dies insbesondere unter der Rahmenbedingung, dass Patente nur den Stand der Technik vor zirka 18 Monaten abbilden und andererseits der eine oder andere Wettbewerber seine Technologien und Produkte nicht patentrechtlich schützt.

Ergeben diese Analysen und Vergleiche bereits Überdeckung der eigenen Idee mit bestehenden Technologien oder Produkten, so sollte zu diesem Zeitpunkt steuernd in den Entwicklungsprozess eingegriffen werden, um Doppelentwicklungen zu vermeiden.



Wettbewerbsinformation

Mittels Patentanalysen lassen sich technologische und strategische Informationen über derzeitige und künftige Wettbewerber ermitteln. Daher haben viele Unternehmen die Patentüberwachung in relevanten IPC-Klassen und als direkte Namensrecherche als kontinuierlichen Prozess in ihren Geschäftsbetrieb integriert.

Darüber hinaus gibt die quantitative Patentanalyse schnellen Einblick in die Wettbewerberstruktur und in die technologische Stärke der jeweiligen Wettbewerber bei der Evaluation von neuen Geschäftsfeldern. Zieht man den zeitlichen Verlauf der Anmeldungen jedes einzelnen Wettbewerbers in Relation zum kumulierten Gesamtverlauf der Patentanmeldungen in die Betrachtung mit ein, so können daraus Rückschlüsse auf die strategische Ausrichtung der einzelnen Wettbewerber geschlossen werden.

Steigen die Patentanmeldungen verhältnismäßig stark an, so kann dies auf eine Strategiekonzentration des Wettbewerbers auf dieses Technologiegebiet bzw. diese Branche hindeuten.

Stagnieren die Patentanmeldungen in Relation zum Gesamtverlauf, so verhält sich der Wettbewerber branchenkonform. Sind die Patentanmeldungen stark rückläufig, kann daraus auf einen möglichen Rückzug des Wettbewerbers aus diesem Technologiegebiet bzw. dieser Branche spekuliert werden.




Quellenverzeichnis



Quelle:
Kommentar
Kauf
Artikel aus Periodika [1710] Glazier, Stephen (competitors’ patents, 1995): Inventing around your competitors’ patents, in: Managing Intellectual Property, July/August, S. 10-14. 1710
Artikel aus Periodika [1710] Zwicky, Fritz (Morphology, 1951): Morphology of Scientific Research and Engineering Invention, Pestalozzi Foundation of America and Alumni of the Federal Institute of Technology Zurich, Vortrag am 28.3.1951 in New York 1951. 1711
Artikel aus Periodika [1709] Ernst, Holger (Patent Portfolios, 1998): Patent Portfolios for Strategic R&D Planning, in: Journal of Engineering and Technology Management, Vol. 15, No. 4, S. 279-308. 1709
Artikel aus Periodika [1708] Ernst, Holger (Technological Forecasting, 1997): The Use of Patent Data for Technological Forecasting - The Diffusion of CNC-Technology in the Machine Tool Industry, in: Small Business Economics, Vol. 9, No. 4, S. 361-381. 1708
Buch [1707] Ernst, Holger/ Vitt, Jan (Wettbewerbsvorteile, 1998): Wettbewerbsvorteile durch Patentanalysen - Handbuch zur praktischen Nutzung von Patentinformationen durch kleine und mittelgroße Unternehmen, Kiel 1998. 1707
Buch [1706] Ernst, Holger (Patentinformationen, 1996): Patentinformationen für die strategische Planung von Forschung und Entwicklung, Wiesbaden 1996. 1706




Autor: Kohn, Stefan Ausdruck: Welchseln Sie zur Druckansicht
Kapitel: Technologiemanagement
Abschnitt: Patentrecherche
Zitatzeile:
Kohn, Stefan (2011): Technologiemanagement - Patentrecherche, online im Internet unter URL: http://www.innovationsmanagement.de/technologiemanagement/patentrecherche.html (01. 02. 2011).
 
© 1997-2011 HARLAND media - innovationsmanagement.de